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Sachbücher

Andreas Malm. Klima|x

Verlag Matthes & Seitz


In seinem Essay,  der in den ersten Wochen des ersten Berliner Lockdowns entstand, untersucht der Humanökologe und Klimaaktivist Andreas Malm die Zusammenhänge zwischen Pandemien und der Klimakrise. Präzise und pointiert kommentiert er Zoonosen, den internationalen Handel, die Kriegsrhethorik in der Covid-19 Pandemie und den Wunsch nach einem Normalzustand, der gar keiner ist. Sein Schreibstil ist fein ausbalanciert zwischen wissenschaftlicher Analyse und bildungssprachlichem Diskurs und schafft es dadurch Interesse nicht nur zu wecken, sondern durch klar verständliche und gezielt eingesetzte Beispiele auch zu steigern. Zudem unterscheidet sich Andreas Malms Essay von anderen Sachbüchern rund um die Pandemie durch einen deutlichen Appell, beziehungsweise Lösungsansatz. Auch denjenigen, die corona-müde sind und sich ungern weiter mit dem Thema auseinander setzen würden, ist dieser Essay sehr zu empfehlen, denn Malms Analyse verdeutlicht, dass es in den großen Krisen unserer Zeit um die Beziehung der Menschen zur Natur und zueinander geht. Seine reflektierten Ideen geben dabei Hoffnung — nicht auf eine Utopie oder einen illusorischen Normalzustand, sondern auf die Möglichkeit einer sozialen Handlungsmacht.
Antonia Truss

263 Seiten
€ 15

Albrecht Schöne. Erinnerungen

Wallstein Verlag

Der Göttinger Germanist Albrecht Schöne hat, 95jährig, seine Erinnerungen veröffentlicht. Das Buch hat er ursprünglich für seine Enkel geschrieben, und er setzt das Wort Zueignung an den Anfang seiner Reminiszenzen. Es ist ein mit Bedacht gewähltes Wort, denn es ist die Widmung, die Goethe seinem Faust vorangestellt hat („Naht ihr euch wieder, schwankende Gestalten…“). Dem Werk Johann Wolfgang Goethes galt Schönes Arbeit lebenslang.

Der Autor lässt uns zunächst an der Suche nach seinen Ahnen teilhaben, zu denen Lucas Cranach wie auch Goethe selbst gehört, zu dem er uns dabei auf verschlungenen Wegen mitnimmt. Schöne ist Pädagoge, als Professor im Hörsaal wie auch als Lehrer der Nachgeborenen: Ausführlich zitiert er regimekritische Schriften seines Vaters aus dem Jahr 1943, die dieser als Studienrat in den Fächern Deutsch und Geschichte verfasste, aber außerhalb des Familienkreises nicht bekannt wurden. Er kommentiert sie für seine jungen Leser. Die eigentliche Vita des siebzehnjährigen Albrecht beginnt im gleichen Jahr, wenn er sich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht meldet, ausgestattet mit dem Reifevermerk („Notabitur“). Er gelangt in ein brandenburgisches Panzerregiment. Zweimal überlebt er mit knapper Not, wenn der Panzer abgeschossen wird, in dem er sitzt. Als die Wehrmacht vor der Roten Armee zurückweichen muss, gelingt es ihm im letzten Moment, sowjetischen Soldaten zu entkommen, und er beginnt die Elbe in Richtung Westen zu durchschwimmen. Die Rufe „Come on, come on!“ amerikanischer Soldaten, die ihn aus ihrem Jeep beobachten, verleihen ihm die nötige Kraft.

Schöne hat sich in seinem langen Forscherleben immer wieder von Texten der Bibel und der Sprache Martin Luthers anregen lassen. So zitiert er aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther, („weinen, als weineten sie nicht…“), der ihn zu Untersuchungen des Gebrauchs des Konjunktivs bei Goethe und Robert Musil anregt. Die Berichte über seine wissenschaftliche Arbeit, aber auch von Vorgängen, die sich während der Studentenbewegung ab 1968 an der Universität Göttingen abspielen, sind instruktiv und lehrreich. Schmerzlich berühren ihn Äußerungen auch eigener Schüler, die er hier mit vollem Namen nennt.

Unter den Vortragsreisen, die er ins Ausland unternimmt, ist ihm die an die Hebräische Universität in Jerusalem als besonders eindrücklich haften geblieben. Wie er am German Department dort einmal von der Aufführung einer Brecht/Weillschen Oper mit Schülern und Studenten im Jahr 1930 in Berlin erzählt, meldet sich ein alter Herr und sagt: „Ich war dabei.“

„Vita brevis, ars longa.“ Der Aphorismus der Philosophen Hippokrates und Seneca kommt einem in den Sinn, wenn man dieses wunderbare Buch gelesen hat. Das Leben, auch das eines 95jährigen, ist ein kurzes, und es gelingt einem Gelehrten nicht, die Länge und Breite seines Faches auszuloten. Wilfried Opitz



334 Seiten
€ 28

Maja Göpel. Unsere Welt neu denken. Eine Einladung

 
Ullstein Verlag
 
Deutschlands Landwirte verteidigen gerade vehement eine Form „artgerechter“ Haltung von Sauen in Ställen mit Gestängen, in denen das einzelne Tier sich nicht zu Boden legen kann, da so mehr Tiere auf der Fläche gehalten werden können; männliche Küken werden geschreddert, da sie als „negativer Kostenfaktor“ „überflüssig“ sind.
Es gibt eine Form funktionsbezogenen Effizienzdenkens, das die Politökonomin Maja Göpel im Extrem so beschreibt: „Wald ist nichts weiter als Holz. Erde ist eine Halterung für Pflanzen. Insekten sind Schädlinge. Und das Huhn ist ein Ding, das Eier legt und Fleisch liefert.“ Natur ist damit etwas, das, wenn es nicht mehr funktioniert, nach Belieben durch Technikoptimierung wieder „funktionstüchtig“ und „verwertbar“ für den Menschen gemacht werden kann. Wir sind heute bei der Entwicklung von Roboterbienen angekommen.
Die Notwendigkeit diesen beschränkten, beschränkenden und bedrohlichen Blick auf die Welt zu durchbrechen und zu ändern, schildert Maja Göpel fundiert, analytisch stark, engagiert, ohne Zahlenkolonnen und erhobenen Zeigefinger. Ihr reicht u.a. ein knapper Gang durch die Geschichte zentraler Wirtschaftsideen, um die bereits in der Ausbildung angehender Ökonomen bestehenden, grundlegenden Mängel und Schwachstellen aufzuzeigen.
Die Dringlichkeit in einer globalisierten Welt, jenseits ungezügelten Wachstumsdenkens, ökologischen Raubbaus und technisierten Machbarkeitswahns, eine Entwicklung hin zu natürlichen, auf Dauer und Resilienz angelegten Systemen zu fördern, ist am Ende dieser Augen öffnenden und für die komplexen ökonomisch-politischen Zusammenhänge
sensibilisierenden Lektüre mehr als einsehbar. mc
 
208 Seiten
17,99 €

Michael Thumann. Der neue Nationalismus. Die Wiederkehr einer totgeglaubten Ideologie

Die Andere Bibliothek
 
Zurzeit gehen viele Gespenster um! Gespenster, die Allianzen eingehen und sich gegenseitig begünstigen und damit Demokratien gefährden, wie z. B. Verschwörungsmythen und die verschiedenen ideologischen Spielarten des Nationalismus. Was wir zumindest in Europa historisch überwunden glaubten, ist wieder gegenwärtig und wirft die Frage auf: Lernen wir wirklich aus der Geschichte?
Der ZEIT-Journalist Michael Thumann hat zusammengetragen, wie sich diese politische Pandemie im neuen Jahrhundert immer mehr ausbreitete und wie deren Protagonisten Putin, Trump, Erdogan, Orban, Kaczynski u. a. sich diese Ideologie zunutze machen.
Anders als in der ersten Welle des Nationalismus im langen 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts benutzen heute „Gelegenheitsnationalisten“ diese Ideologie als Mittel zum Zweck ihrer eigenen politischen Agenda. Die Verführungsanreize dieses „Ismus“ sind aber auch längst Bedrohungspotenziale in Ländern mit bisher geglaubter Stabilität einer demokratischen Grundordnung. Leider gilt auch hier die Einsicht: Geschichte ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen. Unbedingt lesenswert! Christian Richter

287 Seiten
44.- €

Klaus Brinkbäumer, Stephan Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

Verlag C.H. Beck
 
Um zu verstehen, um zu begreifen, warum die USA im Innersten so zerrüttet sind, warum die Vereinigten Staaten gegenwärtig die „Unvereinigten Staaten“ sind, sollte man unbedingt zum Buch des ehemaligen Chefredakteurs des SPIEGELS Klaus Brinkbäumer und des ARD-Dokumentarfilmers Stephan Lamby greifen. Es wird deutlich, dass Trump kein Betriebsunfall des amerikanischen Politikbetriebes ist, sondern das erschreckende Ergebnis einer Jahrzehnte schwelenden Entwicklung.
Der Weg in die gegenwärtige amerikanische Katastrophe führt die Autoren zurück in die Nixon-Zeit, in die rechte Medienrevolution der 80- und 90-Jahre, in der sich rechte Radiosender und FOX NEWS in Stellung brachten, in die ungelösten Probleme einer rassistischen Gesellschaft, in die verheerenden Verschwörungsmythen des „Deep State“, in die reaktionäre Rolle der Evangelikalen, in die Ängste der weißen Bevölkerung, ihre Dominanz zu verlieren, und schließlich in die extreme soziale Spaltung der Gesellschaft.
Ein Land im Kulturkampf, ein Land am Rande des Demokratieverlusts!
Durch Gespräche mit Beteiligten aus allen politischen Lagern und durch gesellschaftspolitische Analysen verdeutlichen die Autoren die amerikanische Krise nicht nur, sondern verstärken auch die Gewissheit, dass dieser Zustand mit einem Personenwechsel im Weißen Haus allein noch nicht überwunden ist. Christian Richter
 
387 Seiten
€ 22,95

Stephan Bierling. America first. Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz

Mit Büchern zu und über Trump lassen sich inzwischen Regale füllen. Nicht jeder wird sich seine Lesezeit allerdings von Trump dominieren lassen wollen, zumal alle übrigen Medien einen nicht enden wollenden Informationsstrom bieten. Wer allerdings einen kompakten und gut strukturierten Überblick zu dieser Präsidentschaft zwischen 2017 und 2020 erhalten will, sollte unbedingt zu diesem Buch des Regensburger Professors für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen greifen.
In 15 Kapiteln werden die Handlungsfelder Trumpscher Politik analysiert. Genauso wird der Weg Trumps an die Spitze der Republikaner wie des Staates beleuchtet. Erschreckend dabei ist einerseits das Gespür dieses speziellen „political animal“ für radikale gesellschaftliche Strömungen in seinem Land, die er nutzt, um das Land weiter zu spalten, andererseits die Inkompetenz und die unübersehbaren Defizite, die sein außenpolitisches Handeln begleiten.
Der Außenpolitiker Trump hat die Welt nicht sicherer gemacht und die transatlantischen Beziehungen nachhaltig geschädigt, indem er den Isolationismus und Unilateralismus in der US-amerikanischen Politik wieder aktiviert und dabei diese Paarung für einen neuen amerikanischen Imperialismus tauglich machen will. Innenpolitisch befeuert er den Kulturkampf um die weiße Vorherrschaft in einer bisher nie gekannten Art und Weise aus der Position seiner Präsidentschaft. So bleibt nur zu hoffen, dass der Untertitel des Buches sich bestätigt: Eine „Bilanz“ zu sein und nicht eine „Zwischenbilanz“. Christian Richter
 
271 Seiten
€ 16,95

Dreißig Jahre Deutsche Einheit

DAS JAHR 1990 FREILEGEN. REMONTAGE DER ZEIT
JAN WENZEL (Hg.)
Spector Books

592 Seiten
€ 36,-

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HARALD HAUSWALD
VOLL DAS LEBEN!
Steidl Verlag

408 Seiten
€ 45,-

Dreißig Jahre Deutsche Einheit und so viele Geschichten, die schon erzählt wurden und ebenso viele, die noch erzählt werden müssen. Manchmal jedoch verblassen die eigenen Bilder. Die Erinnerungen sind für die Geschichtsschreibung nur bedingt brauchbar - weil sehr unzuverlässig. Zwei Bücher, die uns alles lebendig zurückbringen und uns staunen machen, ob einer Welt, die doch erst kürzlich noch war und nicht mehr ist. Wo ist die Zeit geblieben? Sie ist festgehalten, eingefroren, konserviert in zwei herausragenden Foto/Textbänden. In ihnen ist dokumentiert, wie sie war, die DDR und insbesondere das Jahr 1990 - unverfälscht, ausdrucksstark und sehr aufklärend. sg

Ian Mortimer. Shakespeares Welt. So lebten, liebten und litten die Menschen im 16. Jahrhundert

Aus dem Englischen von Karin Schuler
Piper Verlag
 
„Historiker können die Vergangenheit nicht tatsächlich wiederherstellen...“ - aber Geschichte lebendig zu erzählen, die Fakten dabei nicht zu vernachlässigen und darüber hinaus sorgfältig mit aller gebotenen Vorsicht einzuschätzen – diese hohe und schöne Kunst beherrscht der renommierte Mittelalter-Historiker Ian Mortimer.
Das Buch ist „ein Versuch“, für die Shakepeare-Zeit, „die Schichten der Verklärung, Vereinfachung und des aufgeblasenen historischen Urteils (…) so weit wie möglich abzutragen.“ Sein Ansatz, von Alltagsgeschichte und -gegenständen auszugehen, ist dabei nicht unbedingt neu - äußerst literarisch entwirft er ein extrem sinnliches, durchaus überraschendes Zeitporträt. Mortimer bettet dabei seine Schilderungen in ein solides Fundament belastbaren anthropologischen, soziologischen und historischen Materials. Es entsteht ein bewundernswert plastisches Bild der gemeinhin als „das goldene Zeitalter des englischen Theaters“ geltenden Zeit Elizabeths I. und Shakespeares.
Fesselnd und durchaus auch drastisch – Menschen aus Fleisch und Blut begegnen den Lesern und Leserinnen in diesem wunderbar schonungslosen Geschichtsschmöker und bleiben lange im Gedächtnis. Für alle Freunde gut erzählter und seriöser Geschichtsschreibung, die eine riesige Material- und Quellenfülle gekonnt und anschaulich zu verdichten versteht. mc
 
496 Seiten
€ 25,-

Garrett M. Graff. Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September

Aus dem amerikanischen Englisch von Philipp Albers und Hannes Meyer
Suhrkamp Verlag
 
Bald zwanzig Jahre sind vergangen, doch weiß jeder Mensch, der es miterlebt hat, immer noch genau, was man an diesem Tag getan hat. Der 11. September 2001 hat sich in das Weltgedächtnis unauslöschlich eingebrannt.
Mit seinem Werk lässt Garrett Graff diesen Tag wieder ablaufen - chronologisch und vielstimmig.
Statt seine eigene Sicht auf den Tag zu erzählen oder geschichtlich/ politisch einzuordnen lässt der Autor Beteiligte selbst zu Wort kommen. Das Buch ist eine ausgefeilte Collage aus Erinnerungen von Zeugen, Original-Tonbandmitschnitten und anderen Dokumenten. Stunde um Stunde verfolgt man die Geschehnisse des Tages aus allen möglichen Blickwinkeln: u.a. Einsatzzentralen der Feuerwehr, Notrufzentralen, Mitarbeitende des Weißen Hauses, Passanten. Man wird unmittelbar in das Geschehen hinein katapultiert und kann sich der Macht des Textes nicht entziehen. Durch dieses vielstimmige Bild wird Geschichte erlebbar gemacht. hd

Ein wichtiges Buch für alle Interessierten von 14-99 Jahren.
 
537 Seiten
€ 20,-

Desmond Morris. Das Leben der Surrealisten

Aus dem Englischen von Willi Winkler
Unionsverlag
 
Der Surrealismus ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Strömungen in der „jüngeren“ Geschichte der Kunst. Hier wurde Kunst neu gedacht, der Blick auf die Welt geweitet und umgedeutet - mehr eine Rebellion als eine Kunstrichtung.
Desmond Morris, promovierter Zoologe und Verhaltensforscher, legt mit diesem Buch 32 Portraits von Künstlern vor, die kenntnisreich und kurzweilig in den Surrealismus einführen. Dass Kunst und Kunstschaffende nicht ohne einander zu denken sind, wird hier offenbar. Irrungen und Wirrungen der einzelnen Protagonisten werden auf unterhaltsame Weise nacherzählt: der Größenwahn eines Salvador Dalí, die ewige Schürzenjägerei von Max Ernst, die Unangepasstheit der Leonor Fini. Natürlich werden auch André Breton und Pablo Picasso mit einem Portrait bedacht. Neben all dem Boulevardesken gerät die Kunst nie aus dem Blick. Das ist, neben der wirklich schönen Buchgestaltung, ein großes Surplus an diesem Werk. Es ist eine Freude es zu lesen und anzuschauen. hd
 
352 Seiten
€ 26,-

Wolfram Eilenberger, Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933 – 1943

Klett Cotta Verlag
 
Nachdem sich der langjährige Mitherausgeber des Philosophie Magazins Wolfram Eilenberger mit seinem Buch „Zeit der Zauberer“ dem großen Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929, der Epoche unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg und vier zentralen Denkern und Philosophen, Martin Heidegger, Ernst Cassirer, Walter Benjamin und Ludwig Wittgenstein widmete, schließt er nun mit seinem neuen Buch stilistisch und zeitlich an und verfolgt parallel Lebensläufe und Denken vier herausragender Schriftstellerinnen und Philosophinnen.
Die Frauen könnten nicht unterschiedlicher in Herkunft, Denken und Handeln sein: Simone de Beauvoir - aus bürgerlichem französischen Haus, Teil der Pariser Bohème, zentrale Denkerin des Existentialismus, produktive und engagierte Schriftstellerin, Philosophin und Feministin; Simone Weil: jüdischer Herkunft, sozial und politisch bis zur Selbstaufgabe und unter schwierigsten seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen engagiert und widerständig; sie stirbt mit nur 34 Jahren als Jüngste dieser Denkerinnen, auf ihrem Grab steht: „... mit ihren Schriften zählt sie zu den bedeutendsten modernen Philosophen ...“;
Hannah Arendt: zentrale jüdische Philosophin der Be- und Aufarbeitung des finstersten Kapitels deutscher Geschichte, des Holocaust.
Außergewöhnlich und bisher eher nicht in europäische Jahrhundertpanoramen einbezogen: Ayn Rand – Denkerin eines „absoluten“ Individualismus, marktliberale Vordenkerin, eine der bis heute in Amerika meistgelesenen Schriftstellerinnen und Philosophinnen; ihre Ideen und Entwürfe wirken immer wieder auch „anregend“ auf rechtsextreme Kreise.
Die Gemeinsamkeit dieser vier Frauen besteht im Erleben von Krieg, Hunger und Entbehrungen, der tragenden, befreienden Kraft des Denkens und im unbedingten Streben nach Unabhängigkeit, absoluter Freiheit und Einheit von Denken und Handeln vor dem Hintergrund zentraler Ideologien wie Faschismus und Kommunismus.
Das bereits im einzelnen äußerst umfangreiche Lebens- und Werkmaterial zu sichten, nachvollziehbar und anschaulich auf zentrale Gedanken zu reduzieren, Zeitgeschehen und Lebensbezüge originell und lebendig erzählt zu verbinden, all dies spannend auf tatsächlich „nur“ 400 Seiten darzustellen: Wolfram Eilenberger gelingt dies bis zur letzten Zeile großartig, anregend und auf fachlich höchstem Niveau! mc
 
400 Seiten
€ 25

Kate Kirkpatrick. Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben

Aus dem Englischen von Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson
Piper Verlag
 
Eine neue, grandiose Biografie widmet sich dem Leben einer der einflussreichsten und wichtigsten Intellektuellen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts – Simone de Beauvoir. Dieses Buch sei allen an Geistes-, Ideen- sowie Milieugeschichte interessierten Leserinnen und Lesern zur unbedingten Lektüre empfohlen!
Kate Kirkpatrick, Philosophin der University of Oxford, schält Beauvoir kenntnisreich und behutsam auf der Basis auch bisher unveröffentlichter Tagebücher und Briefe, endgültig und unwiderbringlich aus dem „Schatten“ Jean-Paul Sartres. Sie belegt, dass Beauvoir bereits lange vor ihrer Bekanntschaft mit Sartre grundlegende Gedanken zu einem ihrer Hauptthemen - der Freiheit - entwickelt, und sie lebenslang unentbehrliche Denk- und Austauschpartnerin auf Augenhöhe war. Sorgfältig und differenziert setzt Kirkpatrick intellektuelle Entwicklung, biografische Ereignisse und Werke in Beziehung. Dabei überzeugt ihr ideologie- und moralinfreier Blick auf Beauvoirs Ambivalenzen in Denken und Handeln, in ihren freundschaftlichen wie auch ihren sexuellen Beziehungen und klärt ganz nebenbei das ausufernde Gewirr feministischer Anfeindungen und Vereinnahmungen. Sie beschreibt eine kluge, wissbegierige, leistungsstarke und äußerst lebensfrohe Simone, die katholisch erzogen, hineingeboren in ein gutbürgerlich verarmtes, patriarchales Milieu, bereits früh lernt und heftig darum ringt, anerzogene Widersprüchlichkeiten zu durchdringen und aufzulösen. Mit Stolz sagt der Vater einmal zu Simone: „Simone hat das Gehirn eines Mannes, sie ist ein Mann.“ Sie konstatiert durchaus nüchtern „Und doch wurde ich als junges Mädchen behandelt.“ Bildung und immer wieder Disziplin, Willensstärke und außerordentliches Lektürepensum ermöglichen ihren Auf- und Ausbruch in ein für ihre Zeit und v.a. als Frau außergewöhnlich freies Denken - extrem analytisch, auch sich selbst stets unnachgiebig hinterfragend; konsequent und beharrlich thematisiert sie philosophisch und ganz bewusst literarisch Beziehungen und Geschlecht, Alter, Krankheit, intensives Leben, Lieben und auch Sterben.
Es bereitet große Freude der klugen und anregenden Biografin Kirkpatrick auf dem Weg zu dieser starken Persönlichkeit zu folgen, für die Leben, Schreiben und Denken permanenter Befreiungsprozess war. Ihre Gedanken und Werke sind aktueller denn je. mc

528 Seiten
€ 25

Kübra Gümüsay. Sprache und Sein


Hanser Berlin
 
Die Autorin Kübra Gümüsay führt den Leser durch die faszinierende Welt der Sprache:
Sprachen, die keine Zahlen kennen, Sprachen ohne Vergangenheitsformen - schauen wir über unseren Tellerrand hinaus, zeigt sich, wie begrenzt, vielfältig und oftmals anders- bis fremdartig Sprach- und damit Vorstellungswelten sind.
Ihr Anliegen ist dabei zutiefst politisch: angeregt durch den Literaturwissenschaftler George Steiner geht es Kübra Gümüsay um die Wechselbeziehung zwischen Sprache und politischer Unmenschlichkeit. Deutlich zeigt und benennt sie die dunklen, gefährlichen und manipulativen Seiten von Sprache: „Sprache ist mächtig, und Macht bedeutet Verantwortung.“ Sie macht verständlich, dass aggressive und populäre Versuche griffiger Vereinfachungen, sowohl auf sprachlicher als auch auf alltäglicher Ebene, vermeintliche Vereindeutigungen und Homogenisierung, das Beharren auf dem immer nur individuell Eigenen, bedenklich beschränkend, fragwürdig und unsinnig sind. Neues, Anderes, eben auch Fremdes ist unentbehrlich für neue Arten des Seins und ermöglichen eine bereichernde Vielfalt und Vielzahl verschiedener Wirklichkeiten.
Kübra Gümüsay selbst ist in zwei Kulturen, der deutschen und der türkischen, beheimatet und geht durchaus von ihrer ganz persönlichen Erfahrung aus: „Sprache als
Stoff unseres Denkens und Lebens, der uns formt und prägt“. Ihre gut gewählten, erstaunlichen Beispiele illustrieren, wie Sprache Wirklichkeit kreiert, strukturiert und formt und damit unser Sein definiert. Erhellend analysiert und benennt sie alltägliche, ausgrenzende und diffamierende Kommunikationsmuster und zeigt damit, dass gesellschaftlich freie Räume immer wieder geschaffen und individuell erarbeitet werden müssen.
Die Lektüre dieses außergewöhnlich klugen und lebendig geschriebenen Buches bereitet große Freude, ist immer wieder überraschend und fordert heraus. Kübra Gümüsay sensibilisiert in hohem Maß für den Umgang aber auch die wunderbar bereichernde Arbeit mit Sprache, um einen Dialog auf Augenhöhe mit einem Gegenüber zu ermöglichen - und damit die Voraussetzung für eine wirklich teilnehmende demokratische Gesellschaft zu schaffen. mc
 
208 Seiten
18,00 €

Richard Wrangham. Die Zähmung des Menschen. Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat. Eine neue Geschichte der Menschwerdung


DVA Verlag
 
Es geht um nichts weniger in diesem Buch, als einen zentralen Teil der „Natur“ des Menschen zu verstehen - sein Verhältnis zur Gewalt.
Richard Wrangham, Professor für Anthropologie in Harvard und einer der führenden Primatenforscher, beschäftigt sich bereits Jahrzehnte mit „den Wurzeln menschlicher Friedfertigkeit“. Sein Blick auf die Feldforschung zeigt, wie vielfältig und differenziert das Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten bei unseren unmittelbaren tierischen Verwandten ist: Extrembeispiele sind u.a. Schimpansen, die wiederholt heftige Gewalt gegenüber eigenen Gruppenmitgliedern und fremden Gruppen ausagieren, kooperierende Bonobos, die Bündnisse durch Sex schmieden. Scheinbar Widersprüchliches ist nachweislich genetisch auch im Menschen verankert. Richard Wranghams Ausführungen zu „reaktiver und aggressiver Gewalt“, zu unserer „gespaltenen menschlichen Natur“, zur Akzeptanz „guter und böser Anteile“ sind stichhaltig. Sie münden in die These, dass unsere vermeintlich negativen Anteile unentbehrlich und konstitutiv für die Ausprägung zivilisierter Gesellschaften sind. „Gewalt und Krieg“ sind für ihn entscheidende zivilisierende Faktoren, die menschliche Friedfertigkeit hervorbringen. Originell verbindet Wrangham dabei neueste Ergebnisse interdisziplinärer Forschung; seine Thesen sind aber durchaus auch streitbar. Darüber hinaus wären weiterführende Überlegungen zu hybriden Formen von Gewaltausübung wie wiederholter exzessiver Gewalt in zivilisatorisch hoch entwickelten Gesellschaften mit ausgeprägten Rechtssystemen und Ausführungen zu Phänomenen wie kalkulierter Grausamkeit und Sadismen, die die Tierwelt nicht kennt, wünschenswert und einzubeziehen. Welche „Funktion“, welchen Platz würde Wrangham diesen „Bestandteilen“ im Lauf der Evolution zuweisen? Er schließt mit einer durchaus zu teilenden Hoffnung: „Nur weil etwas natürliche Ursprünge hat, bedeutet das nicht, dass wir ihm in unserem Leben einen Platz einräumen sollten.“ Ein außerordentlich anregendes und spannendes Buch, dessen Thesen zu diskutieren sind. mc
 
496 Seiten
28,00 €

ILKO-SASCHA KOWALCZUK. DIE ÜBERNAHME. WIE OSTDEUTSCHLAND TEIL DER BUNDESREPUBLIK WURDE


C.H.Beck Verlag
 
Im Zuge des Mauerfall-Jahrestages 2019 sind eine Vielzahl von Büchern erschienen, auch über die30 Jahre danach. Dieses möchte ich besonders hervorheben.Auf knapp 300 Seiten werden alle wesentlichen Aspekte der Transformation der maroden, unflexiblen DDR-Gesellschaft mit ihrer bankrotten Wirtschaft beschrieben und durch sachkundige Erläuterung der nüchternen Statistiken untermauert. Immer mit dem Blick auf die Menschen, deren gesamte Lebensrealität sich von heute auf morgen radikal veränderte. Die westdeutschen Bürger hatten so etwas zuletzt im Übergang der Schwarzmarkt-Zeit zur geordneten Marktwirtschaft erlebt. Der Autor ist Zeithistoriker, in der DDR aufgewachsen. Er kann besonders kompetent auch seinen Mitbürgern ihre Irrtümer aufzeigen. Die Unkenntnis der Ost- und der Westdeutschen über die Wirklichkeit im jeweils anderen Teilstaat ist auch heute noch erschreckend.
Wer dieses Buch liest, verliert hoffentlich seine aus Unkenntnis entstandenen Vorurteile. js
 
319 Seiten
€ 16,95

Catherine Bailey. Bis wir uns wiedersehen

wbg Theiss Verlag
 
Erzählt wir die Geschichte von Fey von Hassell, der Tochter von Ulrich von Hassell, der dem Widerstand gegen Hitler angehörte und 1944 hingerichtet wurde. Sie war verheiratet mit einem italienischen Adligen, Detalmo Pirzio-Biroli, der ein Widerstandskämpfer gegen den Faschismus war, und sie lebte in einem Palzzo in der Nähe von Venedig. Nach dem Attentat auf Hitler am 20.Juli 1944 wurden im Zuge der Sippenhaft zahlreiche Familienmitglieder der Widerstandskämpfer zusammen inhaftiert. Nach einem langen und leidvollen Weg, der in Innsbruck begann, landeten sie als Sonderhäftlinge erst in Buchenwald und schließlich in Stutthof, um dort als Geiseln Himmler auf ihren Einsatz für seine politischen Zwecke auszuharren. Zu Beginn dieser Ereignisse wurden Fey von Hassell ihre zwei Söhne (2 und 4 Jahre alt) weggenommen und mit einer geänderten Identität in ein Waisenhaus gesteckt und damit einem unbestimmten Schicksal überlassen. Neben allem anderen zerriss diese Trennung und die völlige Aussichtslosigkeit eines Wiedersehens ihr Herz. Über viele Monate, nach vielen Entbehrungen, Leiden und seelischen Katastrophen gelang lange nach Kriegsende das Unerwartete. Catherine Bailey, Bestsellerautorin und Dokumentarfilmregisseurin, schildert die Ereignisse und Irrfahrten in ihrem Buch „Bis wir uns wiedersehen“ einfühlsam und nach sorgfältigem Rechercheaufwand sehr genau. Der Leser verfolgt den Verlauf der Ereignisse mit großer Anteilnahme, ist entsetzt über das, was Menschen einander antun können und am Ende ebenso erleichtert über den Ausgang wie die Mutter. kp
 
488 Seiten
€ 28,-

H. GLENN PENNY. IM SCHATTEN HUMBOLDTS. EINE TRAGISCHE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN ETHNOLOGIE

Aus dem Englischen von Martin Richter

C.H. Beck Verlag

Widmet man sich der Entstehungsgeschichte ethnologischer Sammlungen, begibt man sich schnell auf „schwieriges Terrain“. Die deutsche Ethnologie und die unrühmlichen Hypotheken des deutschen Kolonialreichs und des Kolonialismus sind untrennbar miteinander verbunden, und ebenso untrennbar davon ist berechtigterweise die Frage nach Restitutionen.

Der amerikanische, in Iowa lehrende Historiker H. Glenn Penny versucht mit seinem Buch einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion im Zuge aufgeheizter Debatten um das Berliner Humboldt-Forum und „verbaler Aufrüstung“ wie Gleichsetzung ethnologischer Artefakte mit „verstrahltem Atommüll“ zu leisten.

Er schildert engagiert die spannende Geschichte u.a. der Berliner ethnologischen Sammlung sowie die Lebensläufe ihrer Begründer, und differenziert angemessen menschliche Ambivalenzen und Einstellungen der sich dezidiert jenseits von Rasse, Nation und kultureller Überlegenheitsideologie, in der Tradition Alexander von Humboldts verstehenden ersten Wissenschaftler und Sammler.

Penny wird vorgeworfen, „regelrechte Storys“ zu verfassen, „Verflachung und Verharmlosung“ durch die Art und Inhalte seiner Darstellung zu betreiben - doch möchte er die Sammlung und deren Geschichte nicht ausschließlich und voreilig auf Fragen von Rückgabe und Entschädigung reduziert wissen. Zentral ist für ihn unser Verständnis ihrer Entwicklungsgeschichte sowie der heutige und zukünftige Umgang mit diesen Sammlungen. Die Entstehungsgeschichte der Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums, die mit ihren ca. 500 000 einzigartigen Objekten eine der weltweit größten ethnologischen Sammlungen ist, bedarf einer wissenschaftlich fundierten, gründlichen und unaufgeregten Betrachtung, die er streitbar leistet.
Malcah Castillo

287 Seiten
€ 26,95

FRANK BÖSCH. ZEITENWENDE 1979. ALS DIE WELT VON HEUTE BEGANN

Verlag C.H.Beck
 
Warum gerade 1979? Sollte nicht erst 1989 mit dem Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums das „Ende der Geschichte“ eingeläutet werden, wie Fukuyama diagnostizerte, sozusagen die „Stunde Null“ der Jetztzeit schlagen? Aber es gibt gute Gründe die Ereignisse von 1979 genauer zu betrachten und als ZEITENWENDE zu bezeichnen.
1979 mussten die USA das Scheitern ihrer diktatorischen und korrupten Satrapen in Nicaragua (Somoza) und im Iran (Schah Reza Pachlewi) hinnehmen und tragen damit die Verantwortung für das Entstehen sozialistischer Gegenbewegungen in Lateinamerika und das Erstarken des radikalen Islams. Als Nachhutgefecht des Kalten Krieges unterstützten die westlichen Staaten die Taliban mit Waffen gegen den sowjetischen Einmarsch in Afganistan. Heute versucht der Westen verzweifelt, den islamistischen Fundamentalismus einzudämmen. Unter Deng Xiaoping öffnete sich die Volksrepublik China für die Weltwirtschaft und die Weltpolitik und in Deutschland war man stolz auf die humanitäre Geste, vietnamesischen Boat-People eine neue Heimat zu geben. Heute werden Kriegsflüchtlinge bei uns als Belastung empfunden. Mit Margret Thatschers Wahl in Großbrittannien begann der Siegeszug des Neoliberalismus in Europa. Die zweite Ölkrise zeigte uns die Abhängigkeit von der Energieversorgung und das Energiesparen rückte in den Fokus. Gleichzeitig zerplatzte die Hoffnung auf die Atomwirtschaft. In Harrisburg schrammte Amerika knapp an einem Supergau entlang. Die Antiatombewegung ließ die Grünen entstehen und das Bewußtsein für den Schutz der Umwelt. Mit der Fernsehserie Holocaust wurde endlich den Wirtschaftswunder-Deutschen und ihren Kindern das Ausmaß der Verbrechen Nazideutschlands im Bewußtsein verankert.Nach den KSZE-Konferenzen ab Ende 1975 kam die Helsiki-Bewegung in Gang, die den Menschen im Sowjetimperium die Berufung auf Freizügigkeit und Meinugsfreiheit ermöglichte, die dann Schritt für Schritt zum Zusammenbruch der Sowietherrschaft führte.
Jedes aktuelle politische Ereignis hat seine Wurzeln in der Vergangenheit und die hat wieder eine Vergangenheit. Frank Böschs Betrachtungen der Zeit um 1979 sind sehr hilfreich, das aktuelle Chaos der Weltpolitik zu verstehen. Jürgen Schleicher
 
512 Seiten
28€

DANIEL MENDELSOHN. EINE ODYSSEE. MEIN VATER, EIN EPOS UND ICH

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Siedler Verlag 

Odysseus weint, permanent. „Was ist daran so heldenhaft?“ Er ist kein besonders bewundernswerter Typ, wenig heldisch: Lügner, Ehebrecher und vieles mehr - der 81jährige Vater Mendelsohn fährt seinem Sohn gegenüber, dem anerkannten Altphilologen, Schriftsteller und Journalisten Daniel Mendelsohn provokante Geschütze auf. Er belebt und bereichert immer wieder unkonventionell, kauzig und klug das Seminar seines Sohns zur Odyssee, das dieser am amerikanischen Bard College hält. Beide begeben sich, nicht um den nahen Tod des Vaters wissend, auf eine bewegende Lebensreise - eine zarte, liebevolle, dabei verblüffend unsentimentale Annäherung des Sohns an den Vater und eine grundlegende Suche nach Erinnertem und Wirklichkeit. Die Odyssee, eine der großen alten Erzählungen über Aufbruch und abenteuerliche Heimkehr, Familienbande, Fremdheit und Vertrautheit ist dabei archetypischer Leitfaden und Spiegel. Eine wunderbar erzählte Geschichte und nebenbei ein schönes Plädoyer für das horizonterweiternde Studium alter Sprachen und Epochen. Malcah Castillo

 

352 Seiten
26€

UWE SOUKUP. DER 2.JUNI 1967. EIN SCHUSS, DER DIE REPUBLIK VERÄNDERTE

TRANSIT Buchverlag 

Kaum ein Ereignis der Nachkriegszeit hat das Vertrauen der jungen Generation in die
Rechtsstaatlichkeit der Bonner Republik so massiv und nachhaltig erschüttert, wie der gezielte Todesschuß des Staatsschutz-Beamten Kurras auf den Demonstranten Benno Ohnesorg.
Die Bedrohung der Pressefreiheit in der SPIEGEL-Affäre, die Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze und die Versuche, in Schulen und Universitäten politische Diskussionen über das kapitalistische System und den Krieg der USA in Vietnam zu verhindern, brachten vor allem die Studenten gegen den autoritären Staat auf. Auch die Rolle der Wissenschafts- und Wirtschaftselite in der Nazizeit musste hinterfragt werden. Besonders im eingemauerten Berlin des Kalten Krieges
prallten die Gegensätze massiv aufeinander.
Die Demonstrationen gegen den Besuch des iranischen Potentaten Schah Reza Pachlevi boten der Westberliner Polizei die Gelegenheit, den aufmüpfigen Studenten eine Lektion zu erteilen, damit ihnen die Lust am Demonstrieren vergehe. „Rädelsführer“ sollten von zivilen Greiftrupps dingfest gemacht und die Demonstranten mal ordentlich verprügelt werden. Eine richtige „Notstandsübung“.
Fotos und Filme liefern umfangreiche Beweise von der Brutalität der Staatsdiener und dem Todesschuss auf Benno Ohnesorg. Dieses Material, sowie Justiz- und Behördenakten und viele Augenzeugenberichte, hat Uwe Soukup zusammengetragen und neu bewertet. So entstand eine Dokumentation über ein Staatsverbrechen: Der Mord an Benno Ohnesorg. Denn der zweite Teil des Skandals besteht in der systematischen Vertuschung der wahren Vorgänge bei der Aufarbeitung durch Polizei, Justiz, Mediziner und andere staatliche Organe.Der Todesschütze Kurras wurde vor Gericht in allen Verfahren freigesprochen und lebte bis zu seinem Tod unbehelligt in Berlin. Nur einmal noch machte er Schlagzeilen, als 2009 herauskam, dass er für die DDR-Staatssicherheit die Westberliner Polizei ausgespäht hatte. Auch dieses Doppelspiel wird im Buch beleuchtet.
Soukup gelingt ein sehr interessantes Zeitdokument. Eine Mahnung an uns alle, wachsam zu sein gegenüber staatlicher Macht. Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit müssen
auch in Demokratien stets verteidigt werden. js

191 Seiten
20,00€

HELMUT LETHEN DIE STAATSRÄTE. ELITE IM DRITTEN REICH: GRÜNDGENS. FURTWÄNGLER. SAUERBRUCH.SCHMITT

Rowohlt Berlin
 
Das Verhältnis von Geist und Macht ist immer heikel, in autoritären Staatsgebilden aber besonders problematisch. Die gesellschaftlichen Eliten,Wissenschaftler, Künstler, Wirtschaftsführer, suchen die Nähe zur Staatsmacht, denn diese entscheidet über Laufbahn, Finanzmittel und damit über das Leben des Einzelnen. Anpassung, Arrangieren und Lavieren bringt persönliche Vorteile - Widerspruch in Diktaturen kann tödlich enden.
Helmut Lethen verfolgt die Karrieren von vier berühmten Repräsentanten Nazideutschlands. Hermann Göring selbst wählte sie gezielt aus, schützte sie. Er benutzte sie als Vorzeigeintellektuelle und sie ließen sich benutzen. Sie waren Mitläufer, manchmal auch Überzeugungstäter. Ihr Ansehen war bis in die Nachkriegswirren und die frühe Bundesrepublik hinein stabil. Anhand ihrer öffentlichen Publikationen, Selbstzeugnisse und der Berichte von Zeitgenossen versucht Helmut Lethen ihre Persönlichkeit zu ergründen. Er lässt sie zu imaginären Gesprächsrunden zusammenkommen und offenbart ihre Widersprüchlichkeit, Feigheit und Anpassungsstrategien.
Am Ende werden alle vier glimpflich davonkommen: der homosexuelle Theaterdirektor, der abgehobene Stardirigent, der Chefchirurg und Reichsforschungsrat. Besonderes Glück hatte der Staatsrechtler Carl Schmitt: Ein robusterer Genosse warf ihn 1936 von der Karriereleiter im Machtgefüge der Partei. So konnte sich der Vordenker und Sprachformer des antisemitischen Führerstaates "nur als beobachtender Wissenschaftler" stilisieren und blieb im Nürnberger Prozeß vor einer Anklage verschont.
Nicht nur über die vier Preußischen Staatsräte im NS-Staat, auch über Denken, Fühlen und Handeln vieler anderer Weimarer Geistesgrößen wird in diesem glänzend formulierten Buch berichtet, mit hohem Erkenntniswert für Deutschlands aktuelle Situation.
Aufgepasst, Freunde der Demokatie! js
 
351 Seiten
24€
 

LUTZ C. KLEVEMAN. LEMBERG. DIE VERGESSENE MITTE EUROPAS

Aufbau Verlag

Um sich ein Bild von der 2014 aufbrechenden Ukraine-Krise zu machen, begibt sich der Journalist und Historiker Lutz C. Kleveman ins westukrainische Lemberg. Ergebnis seiner Recherchen ist ein aufwühlendes, verstörendes, unbedingt lesenswertes Buch, das weit über eine kulturgeschichtliche Darstellung der Stadt hinausgeht.
Lembergs Geschichte zu schreiben bedeutet, eine Geschichte immer wieder aufbrechender Gewalt zu dokumentieren und zu bewerten. Kleveman schildert neben bekannten stadthistorischen Tatsachen, die unbequemen erschütternden, zum Teil bis heute negierten oder ideologisch instrumentalisierten Kapitel der Vergangenheit: u.a. das auf europäischem Boden größte Judenpogrom seit dem Mittelalter im Juli 1941, in dessen Verlauf „4000 Menschen tot in den Straßen von Lemberg lagen“; die Geschichte des Stalag 328, des Vernichtungslagers der Wehrmacht auf der Lemberger Zitadelle, in dem innerhalb von drei Jahren etwa 140 000 Kriegsgefangene verhungerten oder getötet wurden; sowie die Geschichte des KZs Janowska, in dem nach der Liquidierung des Lemberger Ghettos 1943 die letzten Lemberger Juden besonders grausam vernichtet wurden. Lemberg schrumpft bis 1944 auf die Hälfte seiner Bevölkerung und verliert im Lauf seiner weiteren Geschichte fast 90 Prozent seiner ursprünglichen Bevölkerung.
Klevemans Schilderungen sind besonders im zweiten Buchteil nur schwer zu ertragen, da er dem Leser traurige Tatsachen und sadistische Grausamkeiten nicht erspart. Doch macht nur dieses Vorgehen begreifbar, wie tief tatsächlich die Risse, wie stark Verdrängung, wie vielfältig und zentral emotionale Verflechtungen auf dem europäischen Kontinent wirken. mc

315 Seiten
24,00€

MAGNUS BRECHTKEN. ALBERT SPEER

Siedler Verlag

Muss man heute noch ein Buch über Albert Speer lesen, bei der Fülle dessen, was es bisher schon über dieses Thema gibt? Ja, man muss! Und zwar das gerade erschienene von Magnus Brechtken! Nach Jahrzehnten der Mythen- und Legendenbildung über Speer, ausgehend von seiner Autobiographie und den vielfältigen Selbstauskünften, ist die Zeit mehr als reif für eine Entzauberung. Dass Historiker und Biographen „naiv“ (Brechtken) seine Zeitzeugenschaft als vermeintlich authentische und belastbare historische Quelle wahr- und angenommen haben, verwundert in der Tat. Viele mögen schon vorher geahnt haben, dass „Speers Bekenntnis zu einer luftigen Gesamtverantwortung ohne konkretes Schuldbekenntnis“ (Brechtken) das Zeug hatte, Biografen und Historiker in die Irre zu führen. Es hat denn auch in der Vergangenheit dankenswerte Bemühungen gegeben, das Märchen vom unschuldigen, ja anständigen Nazi einer nüchternen Analyse zu unterziehen. Leider hatten sie nie den breiten Raum gewonnen, der ihnen gebührt hätte. Um so lobenswerter ist das Buch von Magnus Brechtken, der mit großer Detailfülle, immenser Sachkenntnis und einladender Vortragsweise eine notwendige, wenn auch manchmal schmerzhafte, Geschichtsstunde abhält. Sollte man dabei von „liebgewonnenen“ Vorstellungen Abschied nehmen müssen, dann haben wir es hier mit Aufklärung im besten Sinne zu tun. kp

912 Seiten
40,00€

GÜNTER KARL BOSE. BOOKISH! EIN BLICK ZURÜCK

Mit einem Essay von Michael Hagner
Wallstein Verlag

Bookish: zu übersetzen mit büchernärrisch oder eine Beziehung zum Buch haben oder in Beziehung auf das Buch, oder Interesse haben an, auch gern haben. Ach, Du Deutsche Sprache, wie  bist Du doch so ungelenk und phantasielos manchmal, bürokratisch umständlich und steif.
Bookish: muss man nicht übersetzen, versteht jeder! Oder?
Sein ganzes Leben lang hat Günter Bose, Professor für Typologie, Verleger, Gestalter von Büchern, Plakatkünstler, Herausgeber zahlreicher Schriften zur Kultur- und Mediengeschichte, Postkarten gesammelt, auf denen eines niemals fehlt: Bücher.
Menschen mit Büchern, Räume mit Büchern, Regale mit Büchern, Herren, Damen, Kinder in ernsthaften, wie komischen, unerwarteten, wie herzerfrischend und - erwärmenden Situationen: natürlich, inszeniert, spontan, gestellt, lustig, propagandistisch, erhaben, romantisch, erwartungsvoll, verführerisch, intellektuell, parodistisch, zufällig, entfremdet, liebevoll, antiquiert und nostalgisch - all das, aber vor allem immer irgendwie selbstverständlich. Mit dieser Selbstverständlichkeit ist es partiell vorbei. Oder nicht?
Dieser Bildband ist ein so unglaublich leidenschaftliches Plädoyer für zweierlei: das Buch und das Buch in der Fotografie. Der Essay lässt uns erhellt schmunzeln:
„Sammeln. Befriedigt, wie wir wissen die Objektlibido. Leben kann ... nur heißen, das das Buch unseren Kopf in Bewegung setzt. Also dann: Bücher auf Vorrat kaufen und sich dadurch in Bewegung halten." Oder: „Buch und Schlaf haben ein unkompliziertes Verhältnis zueinander. Wer sich hinlegt, um zu lesen, weiß, dass der Schlaf nicht fern ist. Wer regelmäßig über einem Buch einschläft, wird das kaum auf das Buch schieben und auch nicht mit dem Lesen aufhören. Die Fokussierung der Aufmerksamkeit kann eben auch hypnotisch sein, was weder gegen das Buch noch gegen seinen Leser spricht. Wer allerdings behauptet, Bücher seien so langweilig, dass er darüber einschlafe, ist selbst eine rechte Schlafmütze, in die nichts hineinzubringen und nichts herauszuholen ist."
Bookish - ein Blick zurück! Lesen und schauen! Sie werden garantiert nicht darüber einschlafen. sg

240 Seiten
29,90€

Peter de Mendelssohn. Zeitungsstadt Berlin. Menschen und Mächte in der deutschen Presse Neuausgabe, erweitert und aktualisiert von Lutz Hachmeister u.a.

Ullstein

In diesem Jahr feiert die Zeitungsstadt Berlin ihr 400jähriges Jubiläum: 1617 erschien die „Frischmann-Zeitung“, die erste regelmäßig erscheinende Publikation in Zeitungsform.
1928 gab es in Berlin etwa einhundert Tageszeitungen, zehn davon in fremden Sprachen, einhundert periodisch erscheinende Unterhaltungsblätter und vierhundert Fachzeitschriften.
Im April 1945 hatte Berlin nur noch ein (sehr kurzlebiges) Periodikum. Es hieß „Die Panzerfaust. Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“. Groß-Berlin aber lag in Trümmern. Es gab keine Zeitungen mehr.
An diesem Nullpunkt setzt „Zeitungsstadt Berlin“ ein, um dann die Entwicklung und Vielfalt des Berliner Pressewesens in all seinen Facetten aufzufächern. Das Buch erschien erstmals 1959 und wurde sogleich ein Standardwerk für Medienwissenschaftler. Verfasser ist der 1908 geborene Schriftsteller und Thomas-Mann-Biograph Peter de Mendelssohn, der als Redakteur des „Berliner Tageblattes“ die Blütezeit der Berliner Zeitungslandschaft noch selbst miterlebt hatte. 1933 emigrierte er über Wien nach London, kehrte als britischer Offizier 1945 nach Deutschland zurück, wo er beim Aufbau der demokratischen Presse mitwirkte.
Dem Ullstein Verlag ist nicht genug zu danken, dass er dieses Referenzwerk dem Leser nun wieder neu zugänglich gemacht hat. Man staunt beim Lesen erneut über die stilistische Brillanz, mit der die enorme Materialfülle bewältigt wird, die Anschaulichkeit der Porträts und nicht zuletzt den Anekdotenreichtum dieses würdig gealterten Werks. Lutz Hachmeister hat es um ein Kapitel ergänzt, das über die Zeit der Wiedervereinigung bis zu den Umbrüchen der Gegenwart aufschließt.
Die Stadt Berlin habe ihre Zeitungen, so Mendelssohn, „geliebt und gehasst, verwöhnt und verachtet, verlacht und beweint“, sie aber „immer gelesen“. Man darf gespannt sein, was die Zeitungsvielfalt in Zeiten von digitaler Gratiskultur und WhatsApp der Gesellschaft wert ist. gw

816 Seiten

42,00 €

Peter Watson. Zeitalter des Nichts

C.Bertelsmann

Als Nietzsche im letzten Drittel des 19. Jhdts. Gott für tot erklärt hatte wurde das Ende einer Entwicklung markiert, in deren Zentrum die Frage nach Gott, dem Göttlichen, nach dem Tranzendenten stand. Nach diesem umstürzenden Diktum kam es in der abendländischen Geisteswelt und Gesellschaftsentwicklung zu rasanten Veränderungen und Experimenten, die bis heute anhalten. Religiöse Institutionen, der Glaube an das Jenseits, die Vorstellung von einer allgemeingültigen und unverrückbaren Wahrheit hinter oder über den sichtbaren, irdischen Erscheinungen, all das war mit einem Male nicht mehr gültig. Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens musste demnach neu gestellt werden. Das gemeinsame Fundament aus Heilsgewißheiten, Wertestabilität und Hoffnung auf ultimative Gnade war plötzlich weg gebrochen..
Wie die Geisteswelt, also Philosophen, Wirtschaftsethiker, Psychologen, Moralisten, Schriftsteller und bildende Künstler mit diesem umstürzenden Paradigmenwechsel umgingen und wodurch er verursacht wurde, das ist der Gegenstand dieses hervorragenden, auch hervorragend lesebaren und umfangreichen Buches von Peter Watson, dem bekannten britischen Wissenschaftjournalisten, der schon durch einige kultur- und geistgeschichtliche Gesamtdarstellungen hervorgetreten ist. Es sei das Zeitalter des Nichts angebrochen schreibt er, obschon er es auch hätte das Zeitalter von Allem nennen können, denn alles geriet in Bewegung, alles war möglich. Alles das, was man vordem gewohnt war, Gott oder dem Göttlichen zuzuschreiben, musste jetzt woanders gesucht werden bzw. von woanders herkommen. Und die Bemühungen der Philosophen, Psychologen und Literaten, die bei der Geburt eines neuen Koordinatensystems die Geburtshelfer waren, schildert uns Watson ausführlich und anschaulich. So begegnet der Leser bekannten und weniger bekannten Männern und Frauen aus Philosophie und Kunst, deren Leistung im Lichte der Fragestellung des Buches und der Notwendigkeit auf diesen Paradigmenwechsel zu reagieren, ganz neu gewürdigt werden kann. Es wundert nicht, wenn man Namen liest wie Marx, Freud, Dewey, Wittgenstein etc.. Überraschend ist, wenn Watson auf die Beiträge von z.B. Proust, V. Woolf, Kafka, Lawrence und anderen hinweist.
Atheistische Ersatzreligionen wie der Nationalismus, der Faschismus und der Kommunismus beanspruchten den vakant gewordenen Thron, mit dem bekannten Ergebnis. Nachdem schon der erste Weltkrieg und seine Folgen die offenbare Abwesenheit Gottes sicht- und spürbar gemacht hat, um wieviel mehr der zweite mit seinem nicht zu überbietenden Grauen. Dieser Zusammenbruch aller religiöser oder spiritueller Traditionen und Gewißheiten hat Raum geschaffen für die Forderung nach neuen Mitteln und Wegen, der Welt einen Sinn abzugewinnen, wenn es denn einen gibt. Die verschiedenen Gesellschaftsutopien und –systeme gaben nicht genug Antwort auf die fundamentalen Fragen des Daseins. Watson macht unter anderem klar, dass mit der zunehmenden Psychologisierung unseres Denkens und Alltages die Sinnsuche immer mehr auf das eigene Selbst nach innen gerichtet wurde, mit Folgen, die man heute allenthalben beobachten kann. Kosmologen, Physiker und Evolutionsbiologen von heute kommen auch zu Wort und erweitern die Angebotspalette an Antworten.
Diese wenigen Andeutungen sind nur ein schwaches Abbild von der Menge des Materials, das Peter Watson dem Leser vorlegt. Er tut es mit nie erlahmendem Schwung und verhehlt nicht seine offenbar positive Einstellung zum Dasein in seiner Fülle und seinem Zauber.
Es ist nicht neu zu sagen, dass man die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man von der Vergangenheit weiß, Das vorliegende Buch belegt aber beindruckend die Richtigkeit dieses Satzes. kp

768 Seiten

29,99 €

Heinz Schilling. 1517. Weltgeschichte eines Jahres

C.H.Beck

Das Buch des renommierten Historikers Heinz Schilling 1517. Weltgeschichte eines Jahres ist eine hervorragende Ergänzung zur biographischen Luther-Lektüre, die in großer Zahl anlässlich des 500jährigen Reformationsjubiläums vorliegt. Auch Heinz Schilling hat seine bereits 2012 erschienene, umfangreiche und viel gelobte Luther-Biographie Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs 2017 aktualisiert. Und wie bereits sein Luther liest sich Schillings neues Buch über die Welt der Lutherzeit, entgegen aller Kritik an sogenannten „süffigen Jahrbüchern mit farbiger Jahreszahl“ auf dem Cover, wunderbar flüssig und packend, ohne das notwendige Fundament wissenschaftlicher Sorgfalt im Umgang mit historischen Fakten und die Vielschichtigkeit und Tiefe der Darstellung zu vernachlässigen.
Heinz Schilling schildert fundiert die wesentlichen ideen-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ereignisse, bezieht zentrale Schauplätze von Amerika über Europa bis China ein und entwirft eindrückliche Porträts wichtiger Protagonisten dieser Zeit. So entsteht das dichte Bild einer sich dramatisch neu konstituierenden Welt:
Fürsten- und Königsdynastien ringen mittels Heiratsdiplomatie und Militär um Vormacht. Angstvoll blicken die Menschen der anrückenden Bedrohung durch das Osmanische Reich entgegen, und die Modernisierung der Waffentechnik und des Militärwesens schreitet voran. Der Mensch ist sowohl dem Menschen als auch Naturgewalten und Umwelt unerbittlich ausgeliefert; Hexen- und Wunderglaube stehen neben theologisch-philosophischen Welterklärungsmodellen. Gleichzeitig beginnt ein expansiver Prozess, „der Europa immer enger mit den Lebenswelten anderer Kontinente in Beziehung brachte und damit das europäische Wissen erweitert“. Das sich dynamisch entwickelnde Geldwesen, das noch junge, aber bereits gut ausgebaute Medium des Buchdrucks ermöglichen einem kleinen gebildeten Teil der Gesellschaft überregionalen Zugang zu neuen Ideen und Wissen.
Diese Welt ist noch „keine globalisierte“, doch über neu entstehende Verkehrswege verwoben – ein unsicherer und aufregender, geographisch und ideell völlig neuer Kosmos.
Das von Dürer in einem Holzschnitt von 1515 dargestellte und auf dem Buchcover dem Porträt Luthers so passend gegenübergestellte asiatische Rhinozeros Odysseus versinnbildlicht den neuen Wissenshorizont. Vor diesem Hintergrund erschüttert Luthers Wittenberger Thesenpublikation im Jahr 1517 die theologischen Gültigkeiten seiner Zeit und setzt jenen Jahrhunderte dauernden Prozess der Säkularisierung und historisch-kritischer Schriftauslegung in Gang, der bis heute wirkt. Bereichernde, spannende und großartige Lektüre! mc

364 Seiten

24,95€

Sarah Bakewell. Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

C.H. Beck

In ihrem neuen Buch hat sich die preisgekrönte britische Schriftstellerin und Philosophin Sarah Bakewell die Hauptvertreter des Existenzialismus zum Thema gewählt – kenntnisreich und anschaulich, eine engagierte, sehr persönliche und spannende Darstellung seiner Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte. Das Buch ist zugleich eine hervorragende Einführung in die europäische Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Der Existenzialismus ist eine Philosophie der extremen gesellschaftlichen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Krisen. Das Europa der Kriegs- und Nachkriegsjahre, das Paris der Besatzungszeit ist in jeder Hinsicht von Erschütterungen und äußerstem Mangel geprägt. Es entwickelt sich eine Generation, die kompromisslos auf der Suche nach Neuem ist. In den Hotels, Cafés und Jazzkellern von Paris entwerfen und diskutieren Sartre, Simone de Beauvoir, Raymon Aron, Camus, Merleau-Ponty und viele andere ihre Gedanken. Ideengeschichtliche Wegbereiter sind ihnen dabei u.a. Kierkegaard, Nietzsche, Husserl, Heidegger, Jaspers. Bakewell schildert beeindruckend deren unerschöpfliche Neugier, ihre Leidenschaften, ihren kompromisslosen Willen zum Wissen und ihre unglaubliche Produktivität. Mit nur wenigen Worten schreibt Sartre die seit der Antike bestehende, das ganze Mittelalter dominierende und von Husserl und Heidegger weitergeführte Diskussion um die Dominanz von Essenz / Wesen oder Existenz / Sein fest: „Die Existenz geht der Essenz voraus“. Der Fokus liegt damit auf dem Handeln des Einzelnen. „Du bist frei, also wähle“ - im positiven wie im negativen, stets aber radikalen Sinn eines „Sich-ins-Verhältnis-setzen-Müssens“ - sowohl privat als auch politisch.
Bestens eingeführt in zentrale Gedanken und Theorien dieser Zeit, erlebt der Leser Menschen aus „Fleisch und Blut“, ihre Liebesbeziehungen, ihre Stärken und Schwächen, ihre ideologischen Irrtümer, ihre Freund- und Feindschaften - und, besonders anrührend, auch Hinfälligkeit und Sterben. Darüber hinaus vermittelt Bakewell die Einflüsse auf Amerika und England, die zentrale Bedeutung für osteuropäische Denker des späteren 20. Jahrhunderts wie Václav Havel und Jan Patočka. Sarah Bakewell hat mit dieser „Kollektivbiografie“ den produktivsten und klügsten Köpfen dieser Zeit ein würdiges Denkmal gesetzt und gibt damit einen kraftvollen Anstoß zur erneuten Lektüre dieser wichtigen Denker und ihrer Werke. mc

448 Seiten
24,95€

Winter 2016

Andrea Wulf. Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

C. Bertelsmann Verlag

Die in Großbritannien lebende und mittlerweile vielfach prämierte Autorin und Journalistin Andrea Wulf hat eine Biografie über Alexander von Humboldt (1769-1859) vorgelegt - was für ein Buch - man schlägt es immer wieder auf, um darin zu lesen.
Dem Leser begegnet, über die chronologisch-biographische Darstellung hinaus, ein extrem fortschrittlicher, radikal moderner Humboldt. So erkennt und deutet er Zusammenhänge zwischen Abholzung, Erosion und Klima bereits richtig; unbestechlich und weitsichtig ist er in der Bewertung politischer und sozialer Verhältnisse, in seiner Ablehnung von Kolonisation, Sklaverei und Ausbeutung menschlicher und ökologischer „Ressourcen“. Breiten Raum nehmen wunderbare Kapitel über den persönlichen Austausch und Umgang Humboldts ein und seine Bedeutung für Zeitgenossen wie Goethe, Jefferson, Bolívar, Darwin und Haeckel, sowie über sein Wirken auf britische Dichter wie Coleridge, Wordsworth und Southey. Die ganze Welt möchte Humboldt verstehen, alles ist ihm willkommener Erkenntnisgewinn; das Buch erschliesst wechselseitig die Dimensionen seines weltumspannenden Denkens und Wirkens.
Mehr noch: Alexander von Humboldt setzt sich als Mensch der Welt in jeder Hinsicht ohne Vorbehalte aus – er will sie körperlich und systematisch auch sinnlich erfahren – das ist in der zeitgenössischen Wissenschaft ein Novum. Wo diese Abgrenzung und Spezialisierung vorantreibt, geht Humboldt den entgegengesetzten Weg und bemüht sich um universale Zusammenhänge. Großartig ist Andrea Wulfs Darstellung des „rastlosen“ Humboldt, der unermüdlich zu Fuß, mit Kutschen und Schiffen reist, denkt und noch unter widrigsten Umständen arbeitet, oft bis an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit; immer wieder setzt er sich unberechenbaren Gefahren aus. So durchmisst er über drei Jahre extremste Klimate und Topographien Lateinamerikas, erkundet mit kindlicher, manchmal gefährlich naiver Neugier eine bis dahin teilweise völlig unbekannte Flora und Fauna, archiviert, beschreibt und lebt mit seinen Begleitern unter schwierigsten Bedingungen. Nach Europa bringt er 60 000 Pflanzenproben, davon fast 2000 für Europäer bis dahin unbekannte Arten.
Unermüdlich schleppt er seine Instrumente durch Europa, Süd-, Mittel- und Nordamerika, 1829 gar durch Russland, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit und in allen Höhenlagen, besonders unerschrocken bei Beben und Vulkanausbrüchen, seine Messungen zu unternehmen. Und wie ist die Welt, in der Humboldt unterwegs ist, beschaffen – der Mensch könnte verzweifeln: Kriege um Vorherrschaft und Kolonien, Französische Revolution, Napoleonische Kriege, Amerika im Ringen um Demokratie und Befreiung von der Sklaverei; oft muss Humboldt besonderes diplomatisches Geschick und Kalkül aufbieten.
Andrea Wulf hat sich in nahezu alles - Werke, Briefwechsel, Zeugnisse und Quellen der Zeit - intensiv vertieft, sie hat weltweit Archive gesichtet und sich bis hin zur Besteigung des Chimborazo ihrem Objekt Humboldt mit bewundernswerter Ausdauer und großer Empathie genähert. Das Ergebnis ist ein großartiges Buch, zu Recht mit dem „Royal Society Science Book Prize“ ausgezeichnet, da es ausserordentliche schriftstellerische Begabung mit wissenschaftlicher Sorgfalt in einer lebendigen Weise verbindet, der der begeisterte, oft sehr vergnügte und mit wunderbarem Erkenntnisgewinn belohnte Leser nur Bewunderung zollen kann. mc

560 Seiten

24.99€

Herbst 2016

Didier Eribon. Rückkehr nach Reims

Suhrkamp Verlag

Didier Eribon ist einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs, Schüler Pierre Bourdieus, Freund und Biograf Michel Foucaults, renommierter Philosoph und Soziologe.
Seine bereits 2009 bei Fayard erschienene und nun ins Deutsche übertragene Autobiografie ist ein großartiges Buch von außerordentlicher Wucht und Stärke, voller Klugheit, Melancholie und Zorn, bewundernswert in der Kombination persönlicher Beobachtungen und tatsächlichen Nach - Denkens.
Offen und frei von Eitelkeiten beschreibt, analysiert und reflektiert Eribon die Bedeutung und Auswirkungen seiner proletarischen Herkunft und Homosexualität auf seinen Bildungs- und Lebensweg; konsequent durchdringt er die Psychologie eigener und gesellschaftlicher Ambivalenzen im Fühlen, Denken und Handeln in Bezug auf seine familiäre und unmittelbare Umgebung.
Damit trifft er ins Mark einer Gesellschaft, in der unterdrückte und aufbrechende Gewalt, intellektueller und antiintellektueller Dünkel, Elitedenken und ausgeprägte Hierarchien, Scham und Ausgrenzung erschütternde Konstanten mit weitreichenden Folgen geworden sind.
Dieser das Eigene bis zur Schmerzgrenze sezierende Blick lässt oft frösteln, greift und rührt durch eine klare und angenehm lesbare Sprache extrem an - und mancher Rezensent wirft ihm „sozialromantische“ Attitüde und Kokettieren mit angestrebtem Außenseitertum vor – als Soziologe ist sich Eribon jedoch der möglichen und vor allem vielfältig durchdringenden Hypotheken von Vergangenheit mehr als bewusst.
Die enorme Kraft seines Buches liegt am Ende in der sehr persönlichen und sensibel differenzierenden Darstellung eines Lebensweges mit all seinen nicht aufzulösenden Widersprüchlichkeiten – fast nichts liegt in der Hand des Didier Eribon und er kämpft entschieden immer weiter.
Unbedingt zur Lektüre empfohlen! mc

240 Seiten

18€

Sommer 2016

Martin Bossenbroek. Tod am Kap

C.H. Beck Verlag

Der niederländische Historiker Martin Bossenbroek stellt in seinem umfangreichen Buch „Tod am Kap“ facettenreich und komplex, doch ungemein lesbar den Burenkrieg (1899-1902) vor. Er macht dem Leser bei aller Stofffülle auf lebendigste Weise anschaulich, wie kolonial-imperialistische Abenteuerlust des militärischen Goliath England und die Angst vor Überfremdung durch die vorwiegend britischen „Uitlanders“(Ausländer) auf Seiten der Buren, die fürchteten eine Minderheit im eigenen Land zu werden, zu einer Vorstufe des totalen Krieges wurde, wie er dann im 1.Weltkrieg zur vollen Entfaltung kam. Dabei kamen alle typischen Verfahrensweisen zum Einsatz: die Strategie der verbrannten Erde, die Schonungslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung (ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder), Einrichtung sogenannter „concentration camps“. Das alles unter den Augen der Weltöffentlichkeit – es waren nicht weniger als 200 Journalisten am Ort, die unausgesetzt über die kriegerischen Auseinandersetzungen berichteten,bei denen es eine ungeheuer große Zahl an zivilen wie militärischen Opfern gab. So ist denn auch die Rolle der Medien im Krieg ein Thema, das der Autor eindringlich beleuchtet.
Er benutzt im übrigen bei seiner Darstellung u.a. die Aufzeichnungen des niederländischen Juristen W. Leyds, die Berichte des damaligen britischen Kriegsberichterstatters Churchill und die Eintragungen des burischen Kämpfers D. Reitz. So entsteht eine vielstimmige, unvoreingenommene Darstellung eines Krieges, bei dem es eigentlich nur Verlierer gab.
Der ungeheure Imageschaden, den England erlitt, ließ einen einigermaßen moderaten Frieden zu, der nach wenigen Jahren zu einer Annäherung der beiden Kriegsgegner führte. Gemeinsam verschrieben sie sich in der Folge der zunehmenden Entrechtung der ursprünglichen schwarzen Bevölkerung. Daraufhin wurde 1912 der ANC gegründet usw...
Wer also die Geschichte Südafrikas von Anfang des 20. Jhdts. Bis heute begreifen will kommt um diese lohnenswerte Lektüre nicht herum. kp

624 Seiten

29,95€

Frühjahr 2016

Reinhard Kaiser. Der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon

C.H. Beck Verlag

Der Franzose Dominique Vivant Denon (1747 – 1825) war eine der schillerndsten und kunstverständigsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Reinhard Kaiser, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Publizist und Übersetzer hat nun Denons von 1788 an lebenslang geführten Briefwechsel mit seiner Geliebten und Freundin Elisabetta Teotochi Marin zur Grundlage einer sehr spannenden und kurzweiligen Biografie gemacht.
Denon entflieht seiner zwar wohlhabenden aber provinziellen und anregungsarmen Herkunft aus Chalon-sur-Saône mit nur 16 Jahren nach Paris. Auf ausgedehnten Italienaufenthalten wächst seine Antikenbegeisterung. Er schult systematisch seinen Blick und entwickelt Sehen und Zeichnen zu seinem unentbehrlichen Rüstzeug.
Denon erlebt die Französische Revolution, den Terror der Revolutionsjahre, den Wandel und Umbau der Republik durch Napoleon zum autokratischen System. Durch Neugier, lebenslangen Wissensdrang, in jeder Hinsicht diplomatisches Geschick und günstige Umstände gelangt er, immer wieder protegiert durch Freunde und Größen seiner Zeit in die Position des bedeutendsten Mannes der französischen Kultur: Napoleon ernennt ihn im November 1802 zum „Directeur général des musées“ und damit auch zum ersten Direktor des Louvre. Zentrale und großartige Kunstwerke werden planmäßig unter Napoleon im Dienst der Vermehrung des Ruhms der neuen Nation erbeutet. Denon habe die Politik des nationalen Kunstraubs für Frankreich zwar nicht erfunden oder in Gang gesetzt, er habe sie aber so energisch und sachverständig betrieben wie niemand in den Jahren vor ihm, schreibt Reinhard Kaiser treffend.
Das Buch ist weitaus mehr als nur biografische Beschreibung einer illustren und leidenschaftlichen Persönlichkeit: Als Epochengeschichte gewährt es tiefe Einblicke in Beziehungen, das Salonleben, diplomatisches Geschehen und bewegtes Kunstverständnis der Zeit; darüber hinaus ist es eine großartige Entstehungsgeschichte der europäischen Museen und der durchaus schillernden Grundlagen ihrer Sammlungen. mc

399 Seiten

24,95€

Frühjahr 2016

David Nirenberg. Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens

C.H.Beck Verlag

David Nirenberg untersucht die Rolle, die der „Jude“, das „Jüdischsein“ insbesondere im westlichen Denken spielen. Dabei geht es nicht um die Rolle realer Personen, Volksgruppen oder Religionsgemeinschaften, wie sie vomAntisemitismus angegriffen werden, sondern um eine Idee vom „Jüdischsein“ und vom „Judaisieren“, die das westliche Denken durchzieht, die sich aber auch im Islam und sogar im antiken Ägypten nachweisen lässt. Insbesondere im frühen Christentum wurde ein erbitterter Streit um die Frage geführt, wie viel des jüdischen Gesetzes von den Christen zu übernehmen sei. Denn nachdem man beschlossen hatte, neben Juden auch Heiden zu bekehren, hatte Petrus darauf bestanden, dass bekehrte Heiden zur Beschneidung und zur Einhaltung der Gesetze verpflichtet seien. Paulus dagegen war der Meinung, dass die Bekehrung zum Christentum keinen Übertritt zu Judentum bedeuten müsse. Dieser Streit, der die Texte der Evangelien prägte und über Jahrhunderte geführt wurde, hat im Westen ein Bild des Juden als geistlosen, buchstabenfixierten Materialisten entstehen lassen, von dem sich der wahre Christ zu hüten habe. Für die Diskussionen um diese Fragen spielte die Anwesenheit realer Juden kaum eine Rolle, ja sie wurde häufig in Gesellschaften schärfsten geführt in denen kaum oder gar keine Juden lebten. Im Lauf der Geschichte ist der „Jude“ zum Gegenbild des frommen Christen geworden, die „Judaisierung“ zur ständigen Gefahr der christlichen Gesellschaft: Was auch immer einem Christen widerfahren mochte, er durfte jedenfalls nicht „jüdisch“ sein. Dass sich dieser Streit in der Zeit der Reformation noch einmal verschärft, indem von beiden Seiten der „Jude“ zur Bestimmung der Gottlosigkeit der jeweils anderen gebraucht wird, ist wenig überraschend. Der Leser von Nirenbergs materialreicher Studie beginnt allerdings auf die sich abzeichnende Epoche der Aufklärung zu hoffen, in der dieser Hass auf Juden und das „Jüdische“ doch ein Ende nehmen sollte. Die Hoffnung wird enttäuscht, der Anti-Judaismus findet sich bei dem jüdischstämmigen Spinoza, bei Voltaire – der in seinem Leben keinem Juden begegnet war –, er zieht sich durch das Denken von Kant und Hegel bis zu Marx. Die Judenfrage in den europäischen Gesellschaften müsse gelöst werden, schreibt Marx; dabei geht es ihm allerdings nicht um reale Juden, sondern um jene, die dadurch judaisiert seien, dass sie das Geld zu ihrem Gott erhoben hätten. Es scheint, dass das westliche Denken seit nun zweitausend Jahren nicht ohne dem "Juden" als sein zu überwindendes Gegenbild auskommen kann. Nirenbergs hervorragende Studie ist oft niederdrückend, aber unbedingt lesenswert. Sie zwingt zum Nachdenken, zum Hinterfragen unserer geistigen Tradition und sie stellt das Bild der viel beschworenen „christlich-jüdischen Kultur“, die Europa geprägt habe, in radikaler Weise infrage. sd

587 Seiten
39,95€


Sommer 2015

Hans Joas. Sind die Menschenrechte westlich?

Kösel Verlag

Wenn die Kanzlerin – eine westliche Politikerin – nach China reist, so wird von ihr jedesmal erwartet, dass sie die Menschenrechtslage zur Sprache bringe. Ebenso regelmäßig lehnen chinesische Politiker dies als westliche Einmischung in chinesische Angelegenheiten ab. Kaum jemand kann sich des Eindrucks erwehren, dass die Menschenrechte ein genuin westlicher Gedanke seien, den wir nun dem Rest der Welt irgendwie nahe bringen müssen bzw. dessen Befolgung wir einfordern dürfen. Hans Joas untersucht die Geschichte der Menschenrechte, zeigt, dass ihre Ursprünge – die er mit der Sakralisierung der Person verbindet – keineswegs nur in westlichen Kulturen zu finden seien. Und er zeigt die erschütternde Tatsache, dass die Idee der Menschenrechte des gleichen Geistes Kind ist, wie die Rechtfertigung von Folter und Sklaverei, aber paradoxerweise auch ihrer Ächtung und Abschaffung. Sehr deutlich wird auch, dass die Menschenrechte, die ja universell zu sein beanspruchen, niemals für alle Menschen gegolten haben und bis heute nicht gelten: Während der Kolonialzeit und bis in den Algerienkrieg galten die Menschenrechte bestenfalls für die Bürger der Mutterländer, keineswegs aber im gleichen Maße für die Menschen in den Kolonien. Und heute genügt z.B. den USA eine Bedrohung der nationalen Sicherheit, wie sie durch den 11. September 2001 entstanden ist, um das prinzipielle Folterverbot und andere Grundrechte außer Kraft zu setzen – wobei sich nicht wenige europäische Staaten dazu verleiten ließen, diese schmutzige Spiel zu dulden oder gar zu fördern.
Joas’ Studie macht erschreckend deutlich, dass die Menschenrechte weder ein Produkt noch gar ein Besitzstand des Westens sind. Sie sind vielmehr seine vornehmste Aufgabe, an der er sich zu beweisen hat, der er allerdings auch heute noch kaum gewachsen zu sein scheint. sd

96 Seiten

10,00€

Sommer 2015

Christian Bommarius Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914

Berenberg Verlag

Im Februar 1885 endete die Berliner Konferenz zur Kolonialpolitik der europäischen Mächte mit der endgültigen Aufteilung Afrikas. Sie war der Beginn einer mit beispielloser Brutalität und Ausbeutung durchgesetzten Unterwerfung dieses Erdteils durch Europa.
Ideologisches Rüstzeug war neben bestimmten christlichen Versatzstücken das ebenso nebulose wie politisch wirkungsvolle Konstrukt der Rassenlehre mit ihrer Einteilung in Herren- und Sklavenvölker, in Schwarz und Weiß. Sie diente dazu, die gnadenlose Ausbeutung schwarzer Arbeitskräfte und Bodenschätze als zivilisatorisches Projekt zu verkaufen, und Afrika mit dem, wie Hannah Arendt es treffend nennt, „Bodensatz und Gesindel in Europa überflüssiger junger Männer“ zu überschwemmen, die zu allem, nur nicht zu zivilisatorischem Handeln imstande waren.
Dass Deutschlands Beitrag zu diesem Zivilisationsbruch in den ihm zugesprochenen Kolonien von besonderer Menschenverachtung und Brutalität geprägt war, ist inzwischen historisch aufgearbeitet, im allgemeinen Geschichtsbewusstsein aber wenig präsent.
Das kürzlich erschienene Buch von Christian Bommarius könnte diesem Defizit abhelfen. Bommarius zeigt am Beispiel des bewusst in Deutschland ausgebildeten und mit deutscher Kultur und deutschem Recht bestens vertraut gemachten Kameruner Häuptlingssohns Manga Bell, die Praktiken deutscher Kolonialpolitik. Er sollte einmal in Kamerun die Herrschaft im Sinne deutscher Interessen übernehmen. Dass er stattdessen seine in Deutschland erworbenen juristischen Kenntnisse anklagend gegen Grausamkeit, Ausbeutung, Willkür und Vertragsbrüchigkeit der deutschen Kolonialpolitik wendete, wurde ihm zum Verhängnis: Manga Bell wurde 1914 erhängt.
Ein spannendes, erschütterndes und unentbehrliches Buch. mc

152 Seiten
20,00€

Sommer 2015

Achille Mbembe. Kritik der schwarzen Vernunft

Suhrkamp Verlag

Was in der Aufarbeitung der europäischen Kolonialpolitik im ganzen bisher fehlte, ist eine stringente Darstellung und Analyse der psychischen, mentalen und, wenn man es so nennen will, philosophischen und psychoanalytischen Begleiterscheinungen des Kolonialismus aus dem Blickwinkel der Unterworfenen und Versklavten. Hierin haben die Schriften des algerischen Psychiaters Frantz Fanon (speziell zur französischen Kolonialpolitik in den 50er und 60er Jahren) enorme Vorarbeit geleistet.
2014 nun erschien in deutscher Übersetzung aus dem Fanzösischen das Buch des Kameruner Philosophen und Historikers Achille Mbembe. Er beschreibt und analysiert, ausgerüstet mit den „Werkzeugen“ des aktuellen französischen Denkens, Foucault, Deleuze, Guattari, Badiou, Lacan u.a., in wesentlichen Zügen die auf einer früh entwickelten Biopolitik und dem Phantasma der Rassenlehre gegründete Konstruktion des europäischen Blicks auf den „Neger“ als „menschliches Objekt“ und „Ware“, sowie die psychischen, sozialen, letztlich auch politischen Folgeerscheinungen dieses phantasmatischen Blicks: seine Übernahme durch die Schwarzen.
Mbembe zeigt, dass das kapitalistische Denk- und Wirtschaftssystem ohne die Sklaverei nicht hätte entstehen können, und wie sich diese Einschwärzung im Sinne einer extremen Trübung und Reduzierung der Vernunft im sog. Neoliberalismus mit seiner „kannibalischen Struktur“ nun über den ganzen Erdball verbreitet hat. Der Negersklave ist somit nur das erste Produkt der Gewalt, mit der die immer auch humane Natur des Menschen zum Ding, zur Ware, zum Wegwerfartikel gemacht wurde. Die Befreiung aus diesem Denk- und Lebenskäfig beginnt für Mbembe mit einer „Änderung des Blicks auf den Anderen“.
Ein wichtiges Buch, das den Horizont des aufnahmebereiten Lesers radikal öffnen und erweitern könnte. mc

332 Seiten
28,00 €

Sommer 2015

Greg Woolf. Rom. Die Biographie eines Weltreichs

Klett Cotta Verlag

Was hielt und hält Weltreiche und Nationen zusammen, wie funktionieren sie, was läßt sie scheitern, was läßt sie bestehen?
Die Suche nach „Schaltstellen und Mechanismen" beim Entstehen und Niedergang von Imperien beschäftigt zahlreiche Wissenschaftler und scheint vor dem Hintergrund des Zerfalls großer Machtzentren, sowie der Fragilität vermeintlich stabiler Nationengebilde der Moderne, verständlich und notwendig zu sein.
Der renommierte, in Oxford und Cambridge ausgebildete Altertumswissenschaftler Greg Woolf, unternimmt die Suche nach derartigen Wirkungszusammenhängen, besonders unter dem Aspekt der Stabilität (und nicht vorrangig des Verfalls) am Beispiel Roms als europäischer Urzelle imperialen Machtstrebens und einzigartigen Projekts eines im damaligen Sinne weltumspannenden Reiches von erstaunlicher Dauer. Darüber hinaus war und ist dieses Imperium Romanum struktureller und ideeller Bezugspunkt imperialer Bemühungen bis in die Moderne.Woolf selbst betont die große Zahl ausgezeichnet erzählter Darstellungen der Römischen Geschichte – es genügt ein Blick auf die von ihm im Anhang aufgelistete Literatur. Über den rein materiellen Bestand hinaus möchte er jedoch ausdrücklich die Sicht der Reichsherrschaft des damaligen Menschen erfassen und stellt den Reichsgedanken ins Zentrum seiner Schilderungen.
Ein knapp einführender, fundierter und sinnvoll chronologisch aufgebauter Exkurs zu zentralen Wendemarken wie Königszeit und Republik, früher Kaiserzeit und spätrömischem Reich bietet dabei einen erleichternden und schnellen Zugang zum Rom der Antike.
Insgesamt versteht es Woolf in der Folge hervorragend, die gründliche Kenntnis der Fakten in durchaus großen Bögen auf Wesentliches zu komprimieren und in neue, anregende Zusammenhänge zu überführen.
Bereits seit seiner Studentenzeit ist der Historiker von der „Langlebigkeit Roms" fasziniert und gefesselt – diese Begeisterung versteht Greg Woolf eindrucksvoll zu vermitteln und seine Erkenntnisse fesselnd zu erzählen. Ambitioniert und gelungen! mc

495 Seiten
29,95 €

Frühjahr 2015

Heinrich August Winkler. Geschichte des Westens. Zeit der Gegenwart

C.H.Beck Verlag
 
Heinrich August Winkler hat jetzt mit „Die Zeit der Gegenwart" seine vierbändige „Geschichte des Westens" zum Abschluss gebracht. Diese zukunftsorientierte Vergangenheitsvergewisserung, ein monumentales, einzigartiges und sprachlich brillantes Werk, ist geprägt durch einen Mehrfachcharakter. Einerseits stellt es die Geschichte unter die Perspektive der Durchsetzung der Menschenrechte und Demokratie und ihrer Dementierungen, andererseits ist es ein Handbuch, das die Ideen-, Ereignis- und Machtgeschichte historiographisch neu betrachtet. Es liefert einen Ariadnefaden durchs Labyrinth des geschichtlichen Chaos. Der Historiker erweist sich als Ordnungsdenker und bestätigt, ein standortfreier Historiker ohne Perspektive ist unmöglich und erst das macht ihn bedeutend. Der vierte Band hat den Anspruch, einen Beitrag zur Ortsbestimmung der Gegenwart zu leisten, er beschreibt die Jahre 1991-2014. Wie immer bei Winkler geschieht das in beeindruckender Dichte und Informationsfülle. Heinrich August Winkler ist sich dabei bewusst, dass er als Historiker mit der Einordnung und Bewertung der unmittelbaren Zeitgeschichte dünnes Eis betritt, denn die Quellenlage dazu ist vielfach nicht ausreichend. Doch dies macht auch den besonderen Reiz seines Werkes aus, denn als Kommentator des laufenden geschichtlichen Prozesses nimmt Winkler, wie schon so oft, die Position des öffentlichen Intellektuellen ein. In der Summe können wir als Leser und Öffentlichkeit dieses Werk nicht hoch genug bewerten, und dem Gelehrten und streitbaren Intellektuellen dafür nur dankbar sein. „Die Geschichte des Westens" sollte nicht nur in vielen Bücherschränken stehen, sondern auch gelesen werden. cr
 
687 Seiten
29,95€

Karlheinz Stierle. Dante Alighieri. Dichter im Exil, Dichter der Welt

C.H. Beck Verlag
 
Karlheinz Stierle versteht sein Buch als Hinführung und Anregung zur Lektüre eines der komplexesten, tiefsten, formvollendetsten und erregendsten Werke der europäischen Literatur. Zugleich wendet er sich gegen die schulmäßige Verharmlosung eines der größten europäischen Dichter.
Dantes Commedia ist eines der zentralen und wirkmächtigsten Werke der europäischen Literaturgeschichte. „In der Mitte unserer Lebensreise fand ich mich in einem dunklen Wald, da ich den rechten Weg verloren hatte" (Inf.1,1-3) formuliert der Dichter. Zwanzig Jahre menschlichen Schaffens und eine tiefe Krise des Verfassers liegen zugrunde. Bis in die Moderne beziehen sich immer wieder Autoren wie Milton, Joyce, Beckett, Balzac, Valéry, Kazantzakis, der späte Goethe, Mann, Weiss, Künstler, Naturwissenschaftler und andere auf dieses Werk. Kaum ein Leser ist allerdings mehr in der Lage, die vielfältigen und komplexen Bilder und Bezüge, die weitreichenden formalen sprachlichen Aspekte des Universalmenschen Dante Alighieri erschöpfend zu erfassen. Er vereint und verdichtet nicht weniger als das philosophische, theologische, naturwissenschaftliche, kosmologische und poetische Wissen von Antike und Hochmittelalter. Als einzigartiger Neuerer und „europäischer Dichter" geht er in seinem Schaffen weit über eklektisches Rezipieren hinaus.
Stierle, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 Professor für Romanische Literaturen in Konstanz, führt uns im besten Sinne in Dantes Kosmos ein. Neben den frühen Werken Dantes, nimmt er sich besonders seiner Commedia an. Kapitelweise nimmt er uns an die Hand und erschließt damit dem Leser in klarer Sprache und mit angemessenem Blick für die komplexen historischen, kulturellen und ästhetischen Zusammenhänge, eines der aufregendsten Bücher der europäischen Literaturgeschichte. Er macht die Commedia zugänglich und lesbar - ein heute unbedingt notwendiges Buch zum Verständnis des Werkes, das der guten und klugen Prosaübertragung der Commedia von Kurt Flasch aus dem letzten Jahr ergänzend und unentbehrlich zur Seite gestellt werden sollte.
 
mc236 Seiten
22.95 €

Thomas Kielinger. Winston Churchill. Der späte Held

C.H. Beck.

„Über Winston Churchill zu schreiben, gleicht einem Wagnis, nicht nur aus Gründen der biographischen Bandbreite des im Alter von 90 Jahren Gestorbenen."
Churchills Selbstzeugnisse sind zahlreich, zugleich gibt es bereits eine große Menge Literatur über ihn. Eine weitere Biographie ist nun aufgrund der in den letzten Jahren stark gewachsenen Quellengrundlage mehr als gerechtfertigt und sicher anlässlich seines fünfzigsten Todestages im Januar 2015 gut platziert.
Thomas Kielinger, vielfach ausgezeichneter Journalist und Träger des Ordens eines Honorary Officer of the Order of the British Empire, navigiert den Leser mühelos durch das Labyrinth von Churchills in extremen Höhen und Tiefen verlaufenden Lebens. Trotz angespannter familiärer Verhältnisse und zum Teil denkbar schlechter schulischer Ergebnisse des jungen Churchill entfaltet er später beeindruckende Talente - zum einen auf künstlerischem Gebiet als mit dem Nobelpreis geehrter Schriftsteller und Maler, besonders aber auf politischem Terrain, was Gespür, Weitsicht, Stehvermögen und eine gewisse unentbehrliche Skrupellosigkeit anbelangt. Soldat in den englischen Kolonialkriegen, Kriegskorrespondent, Kriegsminister, später englischer Premierminister sind nur einige spannend erzählte Stationen der ersten Lebenshälfte. Thomas Kielinger hebt Politisches und Psychologisches auf eine Ebene und interessiert sich dabei besonders für die Person Churchill vor dem weltgeschichtlichen Panorama zweier Weltkriege, welches er als „später Held" und widerständiger Kontrahent Hitlers entscheidend prägt – „aus welchen Ressourcen schöpfte er immer wieder seine Kraft zum Aufstieg nach Niederlagen und Scherbengerichten?"
Ein äußerst spannendes Buch – präzise, anregend und hervorragend erzählte Geschichte. mc

400 Seiten
24.95 €

Susanne Kippenberger. Das rote Schaf der Familie

Hanser

Fast könnte man meinen, Susanne Kippenberger müsse eine Mitford der jüngeren Generation sein, so pointiert, witzig und klug erzählt sie die Geschichte der Mitfords. Die Großeltern, die Eltern, alle waren exzentrisch, englische Upperclass, auch die sieben Kinder, sechs Mädchen und ein Sohn. Aufgewachsen auf diversen ländlichen Wohnsitzen, immer wieder auch in London, sorgten vor allem die jungen Ladys, extrem in ihrem Verhalten und ihren Weltanschauungen, für anhaltende Aufregungen und Presseklatsch. Nancy, die Älteste, war antifaschistisch und porträtierte in ihren Büchern scharfzüngig ihre Klasse; Diana und Unity, bekennende Faschistinnen, Geliebte des englischen Faschistenführers Mosley die eine, Hitlerverehrerin die andere.
Dazwischen Pamela, die für Mitford-Verhältnisse geradezu unaufgeregt und häuslich war, und die Jüngste, Deborah, Partygirl ohne das geringste Interesse an Literatur und Politik. Und dann Jessica, das „rote Schaf". Sie wurde sehr jung noch überzeugte Kommunistin und sie ist diejenige, die sich am vehementesten aus ihrer Klasse und Familie befreite. Schon mit 12 Jahren hatte sie sich für alle Fälle ein „Weglaufkonto" bei der Hausbank der Familie eingerichtet, brannte dann 1936 mit ihrem Vetter nach Spanien durch. Danach ging's weiter in die USA, die für Jessica zum Lebensmittelpunkt wurden.
Jessica gehört die Sympathie von Susanne Kippenberger. Das Buch ist nicht nur eine amüsant zu lesende Story einer ungewöhnlichen Familie, es entsteht auch ein Zeitbild Englands vor und im Zweiten Weltkrieg.
Beeindruckend erzählt wird das Leben Jessicas als Journalistin und Kämpferin für Menschenrechte und gegen Rassismus. Sie wird als immer temperamentvolle, nie langweilige Persönlichkeit geschildert. Ebenso ist das Buch: voller Humor und Lebenswissen. rg
 
624 Seiten
26 €

IRINA SCHERBAKOWA. DIE HÄNDE MEINES VATERS. EINE RUSSISCHE FAMILIENGESCHICHTE

Droemer, 415 Seiten €[D]22,99 | € [A] 23,70

Was Karl Schlögel als Gesamtschau in seinem Buch Das Sowjetische Jahrhundert gelingt, bietet die Historikerin Iirina Scherbakowa am Beispiel von vier Generationen ihrer russisch-jüdischen Familie: das Wunder des Überlebens in grausamer Zeit.Die Urgroßmutter entkommt den Pogromen der Zarenzeit. Der Vater dient der Kommunistischen Internationale als Spanien-Referent. Die Familie wohnt sogar im Hotel Lux, dem Fluchtort vieler Kommunisten vor Hitlers Schergen, die aber dort vor Stalins Terror auch nicht sicher sind. Rassismus und massiver Antisemitismus, auch im Schatten der Internationalismus-Idee des Kommunismus, prägen die Sowjetwirklichkeit von Anfang an und sind auch im heutigen Russland vorhanden. Noch immer sind die Verbrechen der Stalinzeit nicht voll aufgedeckt. Irina Scherbakowa arbeitet in der Menschenrechts-Organisation „Memorial“. Ihr Buch ist ein wichtiges Dokument gegen das Vergessen. Jürgen Schleicher

KARL SCHLÖGEL. DAS SOWJETISCHE JAHRHUNDERT.ARCHÄOLOGIE EINERUNTERGEGANGENEN WELT

C.H. Beck, 912 Seiten € [D]38,- | € [A]39,10

Dieses grandios geschriebene Buch schildert hundert Jahre Versuch, die Utopie einer gerechten Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Was als Befreiung der Menschheit gedacht war, litt an einem

Geburtsfehler, dem Gift der Despotie: Herrschaft von oben nach unten durch die Führer der allmächtigen Kommunistischen Partei.Karl Schlögel nimmt uns mit vom euphorischen Aufbruch der Revolution durch Bürgerkrieg, brachiale Industrialisierung, Hungerelend, Gulag-System und stalinistischen Terror, Krieg und Entstalinisierung. Als letzte Hoffnung galt die Perestroika-Zeit. Dann kam der Kapitalismus zurück und jetzt die Putin-Herrschaft. Mit großer Empathie lässt uns Schlögel teilnehmen am Alltagsleben der Menschen und und nötigt uns Respekt ab für deren Leidensfähigkeit. Wer das heutige Osteuropa begreifen will, sollte dieses Buch lesen. Jürgen Schleicher

KOHLHAAS & COMPANY
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